Die Erfindung der Brathskartoffel
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Man möge sich erinnern, dass Graf Lajos seine "Jetti" aus Vettweiss nach Aachen mitnahm, um dort mittels einer Trinkkur im Aachener Kurhaus seine Gesundheit wieder herzustellen. Als Henriette in der Wandelhalle des Kurhauses das Heilwasser probierte, spuckte sie es in hohem Bogen wieder aus, denn es war (und ist) stark eisenhaltig und schmeckt nach faulen Eiern. "Lajosch, datt bekömmt Dich nitt!",
bestimmte sie und regte tägliche Ausritte durch die Grünanlagen an. Waren es die Ausritte, war es die Liebe, die die beiden inzwischen
verband? Der Graf gesundete, nahm seine Jetti mit
nach Brüssel auf die geheimnisvolle Mission und reiste
mit ihr anschließend nach Wien, wobei er in Stuttgart
Zwischenstation und dem württembergischen König
seine Aufwartung machte.Auf dem "k. u. k. Oesterr. Ungarischem Consulat Stuttgart" (siehe Siegel aus dem Reisepass von Henriette Braths) holte er bei der Gelegenheit die Einreiseerlaubnis für Österreich ein. "Jetti" war im übrigen froh, das Schwabenland schon nach drei Tagen verlassen zu können, denn die ihr dort allenthalben verabreichten Spätzle schmeichelten ihrem Gaumen absolut nicht. |
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Das junge Paar bezog ein hochherrschaftliches Haus auf dem Kärtner Ring in Wien.
Das Foto zeigt - auf dem Balkon stehend - Graf Lajos, Henriette Braths und ihre "Schwiegermutter" Gräfin Ildiko Nyiltszivü-Rozsatö. Von der Mutter des Grafen ist noch ein gutes Foto erhalten geblieben. Die Dame schaut grimmig und würdevoll drein, war aber in Wirklichkeit eine sehr herzliche Person, die wegen ihres sozialen Engagements für ledige Mütter 1913 mit zwei hohen Orden dekoriert worden war. Gräfin Ildiko stammte selbst aus kleinen Adelskreisen, deshalb hatte sie Verständnis für den "Schatz", den sich ihr Sohn aus dem Rheinland mitgebracht hatte.
Die alte Gräfin war es auch, die Henriette ermunterte, das Rezept für die sogenannten Röstkartoffeln (auf Ungarisch "sült krumpli") an die Presse zu schicken, war sie doch selbst davon angetan, als Abwechslung zu den vielen Wiener Mehlspeisen auch einmal etwas Herzhaftes aus dem Rheinland essen zu können. Wie dann die Ereignisse ihren Lauf nahmen und aus den Röstkartoffeln die Brathskartoffeln wurden, ist in dem Kapitel "Wie aus der Brathskartoffel..." ausführlich geschildert worden. So bleibt festzuhalten, dass die Brathskartoffeln, die damals allerdings noch nicht diesen Namen trugen, in Vettweiß im Rheinland erstmals zubereitet wurden. Deren Erfinderin Henriette Josefa Braths wurde in Wien von Gräfin Ildiko ermuntert, das Rezept an die Zeitung zu schicken. Und ein witziger Redakteur benannte die Röstkartoffeln in "Brathskartoffeln" um - womit der Siegeszug der deutsch-österreichischen Braths- und später der Bratkartoffel begann. |
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Henriette und Lajos waren in Wien nicht immer zusammen. Lajos als Kammervorsteher der Erzherzogin mußte an deren Hof weilen,
aber wann immer er einen freien Tag hatte, machte er mit ihr weite Kutschfahrten oder sie ritten beide aus.
Eine Art Flitterwochen verlebten die beiden auf der schon zitierten Reise nach Italien,
wo sie 1909 mit dem frisch in Dienst gestellten Dampfer "Marienbad" der Reederei "Österreichischer Lloyd" eine Reise
nach Konsantinopel (heute: Istanbul) unternahmen. Doch was macht eine Köchin, wenn sie keine Gäste hat, denen sie etwas zubereiten kann?
Lajos war auf dem Schloß der Erzherzogin beschäftigt. Und für das Personal "Brathskartoffeln" zu rösten, erschien ihr auch
nicht als der wahre Lebensinhalt. So kann sie auf die Idee, sich als "Leihköchin" bei der Herzogin von Hohenberg
(Foto mit ihren Kindern) zu bewerben. Damals waren festliche Essen in den Stadtpalais der in Wien gleich zu hunderten
ansässigen Grafen-, Fürsten- und Herzogsfamilien alltäglich und man holte sich zur Verstärkung der eigenen Küchenmannschaft
Leihköchinnen und -köche ins Haus. Die Herzogin von Hohenberg war sogar stolz darauf, Henriette zu engagieren, denn nach der
Veröffentlichung des Röst- bzw. Brathskartoffelrezepts wurde das "Jettche" aus dem Rheinland so etwas wie eine
Lokalberühmtheit und selbst in den allerhöchsten Kreisen wurden - wenn auch als Vorspeise - Brathskartoffeln serviert.
Ihrem in die USA ausgewanderten Bruder Toni schrieb Henriette Braths später, dass sie mit Lajos glückliche Stunden beim Heurigen in Grinzing verbracht habe. Wiener Lieder habe sie zwar nicht vortragen können, da ihr das Wienerische schwer von der Zunge gegangen sei, dort habe sie aber gerne das Lied vom treuen Husaren gesungen - eine sentimentale Weise, von den Rheinländern aber (bis heute) als Karnevalslied einvernommen. |
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| Jettchen hatte sogar ein Liederbuch mit kölschen Liedern (heute würde man sagen: Karnevalsschlagern) mit nach Wien gebracht und die Wiener haben beim Heurigen das "Jettche" einigemale das fröhliche Lied von den Schusterjungen singen hören. Verstanden haben werden sie den Text nicht, aber sie haben zur Melodie mitgeklatscht und Graf Lajos muß unbändig stolz auf seine Rheinländerin gewesen sein. | |
Aber so gemütvoll die Wiener sind, so bösartig können die Wienerinnen zumal aus den besseren Kreisen sein. Als Lajos 1911 aus dem Dienst der Erzherzogin ausgeschieden war und sich von nun an öfters mit seiner "Haushälterin" in Restaurants, im Prater und auf der Rennbahn
sehen ließ, wurde das häßliche Wort vom
Brathskartoffelverhältnis geprägt. Das Wort
ging dann in die deutsche Sprache als
"Bratkartoffelverhältnis" für eine Beziehung
zwischen Mann und Frau ein, die beide nicht
miteinander verheiratet sind und die vom
Mann vor allem deshalb aufrecht erhalten wird,
um von der Frau verköstigt zu werden. Als
Urheber dieses unschönen Begriffs darf
ein gewisser Hagestolz Sigismund Lueger
gelten (Foto), der sein Geld mit dem Aktienhandel verdiente und der vergeblich versucht hatte, dem Grafen die "Jetti" auszuspannen.
Als der Weltkrieg ausgebrochen und Graf Lajos 1914 gefallen war - siehe Beitrag "Der geheimnisvolle Graf..." - kehrte Henriette Braths ins Rheinland zurück. Sigismund Lueger überlebte den Krieg "mutig" in der Heeresfinanzverwaltung, verlor aber sein ganzes Vermögen in den Inflationsjahren nach dem Krieg. Er erschoß sich in Baden bei Wien ausgerechnet auf einem Kartoffelacker. |
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