Henriette und die 4.000 Kronen - |
![]() Wenn wir an dieser Stelle einen Auszug aus dem Sparbuch der Henriette Braths zeigen, so springen wir damit direkt in das Geschehen ein, das ihre letzten Lebensjahre prägte. Henriette hatte aus ihrer Wiener Zeit ein Sparbuch bei der "Anglo-Oesterreichischen Bank", nämlich das "Einlagsbuch" mit der Nummer 25496. Hierauf zahlte sie ständig ein, hob aber bis auf 2,38 Kronen alles ab, als sie 1914 zurück ins Rheinland ging. Wie, so wird man fragen, gelangten dann
im Februar 1922 zweimal je 2.000 Kronen auf dieses Konto? Nach dem Tode ihres Verlobten, des Gutsbesitzers Wolfram Hübner, stand Henriette Braths 1921 praktisch ohne Hab und Gut da, sieht man von ihrer Aussteuer ab, die sie 1907 nicht mit nach Wien genommen hatte und die immer noch im elterlichen Hause in Vettweiß lagerte. Zu dieser Aussteuer zählte ein Service aus dem Hause Fürstenberg, ein silberner Besteckkasten, drei Silberleuchter, ein kompletter Satz von Töpfen, Pfannen und Casserolen sowie Handtücher, Küchentüchter und Bettzeug. Da in Deutschland inzwischen die Inflation ausgebrochen war und alles Geld, das man ihr in Deutschland für die Aussteuer bezahlt hätte, von einem auf den anderen Tag nichts mehr wert gewesen wäre, verkaufte sie ihre Aussteuer im benachbarten Holland und erhielt dafür harte Gulden in Gold. Damit wollte sie ein Restaurant eröffnen, aber natürlich nicht in Deutschland, wo - außer Schiebern - kaum einer Geld hatte, um ein Mahl in einem Restaurant zu bezahlen. "Jettche" nahm Kontakt auf zum früheren Kutscher von Graf Lajos auf. Besagter Kutscher Johann Prschbyzil (Foto links) war ein zweiter Schwejk und kannte - genau wie jene Romanfigur - "Gott und die Welt", wie man so zu sagen pflegt. Henriette fuhr nach Wien und machte dort auf Vermittlung des Ex-Kutschers die Bekanntschaft mit einem Ferdinand Eiermann (Foto rechts), Besitzer eines Weinlokals und kleinen Hotels nahe Schloss Schönbrunn. "Jettche" war so klug, ihre harten niederländischen Gulden nicht in Kronen umzutauschen, denn auch in Österreich herrschte Inflation. Für nur 50 niederländische Cent bekam man 1922 "sagenhafte" 2.000 Kronen - vor dem Krieg ein kleines Vermögen, 1922 aber nichts mehr wert. Man bedenke: im Herbst 1922 gab die Österreichische Bank eine Banknote mit dem Nominalwert von 500.000 Kronen heraus. Dass Henriette zweimal jeweils 2.000 Kronen auf ihr altes Sparbuch eingezahlt hat, war jedoch kein rheinischer Witz. Denn sie wollte für die offizielle Summe von 4.000 Kronen ein Weinlokal übernehmen, inoffiziell (also "schwarz") dem verschuldeten Verkäufer aber 120 Goldgulden "zustecken". So ist denn auch die Abhebung der 4.000 "angesparten" Kronen mehr als Alibi zu verstehen.
Aus dem Geschäft wurde aber nichts. Was war geschehen? Man rät es schon - Henriette hatte einen "feschen" Mann kennengelernt, der als Immobilienmakler Franz Rudolf Pollack zu Zwettlstein noch im letzten Kriegs- und Kaiserjahr in den Adelsstand erhoben worden und nach dem Krieg geschäftlich sehr erfolgreich war. Wir sehen ihn auf dem rechten Foto mit Aktenkoffer vor seinem PKW. Henriette war nun 37 Jahre alt, für damalige Zeiten also schon so etwas wie eine ältere Dame. Nachdem ihr der Tod zweimal den Liebsten entrissen hatte, wollte sie auf keinen Fall heiraten. Wohl aber legte sie, dem Rat Ihres Freundes Pollack zu Zwettlstein folgend, die Goldgulden in den Kauf eines Grundstücks in Sievering an. Bis 1924 blieb sie in Wien, aber die Beziehung zu ihrem Freund gestaltete sich schwierig. Er pflegte, da er als Immobilienmakler ständig unterwegs war, eine Beziehung besonders pikanter Art, nämlich zu einer ehemaligen Zofe der Kammersängerin Katharina Schratt in Bad Ischl, die ihrerseits jahrelang die Mätresse des greisen Kaisers Franz-Josef gewesen war. Erschwerend kam hinzu, dass die Inflationsjahre den Adel und das Bürgertum insbesondere in Wien in den Ruin getrieben hatten. Das war kein Leben für "Jettche", die dem Immobilienmakler den Haushalt geführt hatte. "Jettche" wurde zwar mit hunderttausenden von Kronen entlohnt, die hatten aber so gut wie keinen Wert.
"Jettche" übersiedelte im Oktober 1927 nach Eupen, das nunmehr zu Belgien gehörte, und erhielt automatisch die belgische Staatsbürgerschaft, da sie ja 1884 in Malmedy geboren worden war, das nun ebenfalls (wieder) zu Belgien gehörte. In Vettweiß, wo sie aufgewachsen war, wollte sie sich nicht niederlassen, weil der Ort schmerzhafte Erinnerungen an das Jahr 1907 hervorrief, als sie ihre große Liebe, den Grafen Lajos, kennengelernt hatte. Ihre Eltern waren inzwischen verstorben, ihr Bruder Toni in die USA ausgewandert. In Eupen war Henriette Braths bis zu ihrem Tod 1936 als Kochlehrerin tätig, wobei sie die in Belgien schon damals üblichen Pommes Frites entschieden bekämpfte. Überliefert ist ihr Urteil: "Widderlich fettich Zeuch!" Henriette Braths lehrte ihre Schülerinnen, wie man Kartoffeln schält, kocht und vorsichtig in der Pfanne röstet, damit daraus die echten, unverfälschten und herrlich duftenden Brathskartoffeln werden.
Die letzten Fotos von ihr zeigen sie (ganz links) auf einem Spaziergang in den Ardennen sowie 1934 auf dem Motorrad ihres Lehrerkollegen Moritz Nettesheim. Zu Ihrer Beerdigung am 28. November 1936 fanden sich um die 400 Personen ein, darunter in weißer Berufskleidung, jedoch mit Trauerflor am Arm, eine Abordnung der belgischen Vereinigung der Köche unter Leitung von Marcel Pinoir, damals Chefkoch des Le Grand Hotel in Brüssel. Aus Deutschland war ebenfalls eine Delegation erschienen, angeführt von Chefkoch Jakob Reutter vom Excelsior Hotel Ernst in Köln. Henriette Josefa Braths verstarb nicht mittellos. Sie hatte 1932 ihr Grundstück in Sievering (Wien) für umgerechnet 21.000 Reichsmark verkaufen können. Das Geld erbten ihr Bruder Toni und ihre Cousine aus Malmedy - und zwar nach Abzug einer beträchtlichen Summe, die für den Leichenschmaus ausgegeben worden war. Was es bei diesem Leichenschmaus zu essen gab? Rinderfilets in einer Rotweinsauße, Salat süß-sauer - und natürlich als Beilage die echten Brathskartoffeln! |