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Josef Berthold Braths (eigentlich "Raths"), der Vater von Henriette, war aus wohlerwogenen Gründen nach Vettweiß gezogen. Vettweiß lag an der Bahnstrecke Euskirchen-Düren, die in Düren abzweigte nach Aachen bzw. Köln.Vor allem aber gab (und gibt) es allein im Gebiet der Gemeinde Vettweiß drei Burgen bzw. Schlösser und im weiteren Umkreis noch einmal ein ganzes Dutzend dazu. Josef Braths hatte aus seiner Zeit als Fuhrmann am Bahnhof Malmedy eine Karte der belgischen Eisenbahn im Besitz (siehe Abbildung), deren Streckennetz in das niederländische, nordfranzösische und westdeutsche (damals preußische) Streckennetz überging. Durch das Eisenbahnnetz war es jedermann möglich - und natürlich erst recht dem Adel -, weite Strecken zurückzulegen. Zwar holte man aus den umliegenden Schlössern und Burgen ankommende adelige Gäste am Bahnhof ab, aber die eigenen Droschken reichten nicht - Vater Josef hatte also immer Kundschaft aus den Adelshäusern, transportierte Kisten und Kästen und gab diese auch für die Adeligen und vornehme Bürger am Bahnhof als Frachtgut auf.
Henriette war inzwischen zu einem "lecker Mädche" herangewachsen. Sie hatte die Volksschule sehr zur Freude von Lehrer Brüggemann mit dem besten Zeugnis abgeschlossen und begann bei dem Apotheker Dr. Albert Nagelschmitz als Dienstmädchen. Die Nagelschmitzens'sche Sippe ist heute noch im Raum Vettweiß ansässig. Die Adler-Apotheke in Vettweiß besteht nach wie vor, ist aber in Besitz des Apothekers Koch. Wohl aber ist die Adler-Apotheke in Euskirchen, die 1897 von Dr. Nagelschmitz gekauft worden war, noch heute in Familienbesitz. Henriette erinnerte sich gerne an die Zeit in der Familie des Apothekers, wo man ihr meistens schon Samstagmittag frei gab - damals eine Seltenheit, denn Dienstboten hatten die 6-Tage-Woche. Bis 1903 war Henriette Braths bei der Apothekerfamilie tätig. Aus dieser Zeit stammt eine Pillendose (Foto), in der sie bis zu ihrem Tode drei Schmuckstücke aufbewahrte, von denen noch die Rede sein wird. Samstagabend und sonntags half sie in der Bahnhofsgaststätte von Vettweiß aus, um Geld für ihre Aussteuer zu sparen. Ihr Vater, der draußen in seiner Pferdedroschke auf Kunden wartete, trank ab und an ein frische Bier, von Henriette gezapft - und zwar das Aachener Decker-Bier, dessen Werbespruch schlicht und wahrheitsgemäß lautete: Decker Bier - lecker Bier! Henriette hatte von ihrer Mutter das "französische Händchen" für eine gute Küche geerbt. Die Kochkünste der noch nicht einmal Zwanzigjährigen verbreiteten sich in der Gegend.

Das elterliche Wohnhaus steht nicht mehr. Wohl aber hat Henriette es später in Wien "aufgezeichnet" - als Gobelin-Stickerei (Foto). Es war ein recht respektables Haus in einem Baustil, wie er im Raum Eifel-Ardennen oft anzutreffen ist. Später hat sie berichtet, dass ihr Brüderchen Antoine (" Toni" gerufen) im Winter auf der Außentreppe Wasser ausgeschüttet habe, um sich "kapott ze lache", wenn jemand auf der gefrorenen Treppe ausrutschte.
Weil es aus dem Hause der Familie Braths so appetitlich duftete, erhielt die Straße im Volksmund den Namen "Küchengasse" - und siehe da: eine Küchengasse gibt es in Vettweiß heute tatsächlich. Die Heimathistoriker dort rätseln, woher dieser Name kommt und wir freuen uns, hier zur heimatkundlichen Aufklärung beitragen zu können.
Wegen ihrer Kochkünste wurde Henriette 1903 auf einem nahegelegenen hochherrschaftlichen Anwesen Küchenmamsell. Ob es Schloß Müddersheim war, Burg Sievernich oder Burg Gladbach (alle Anwesen sind heute noch bewohnt), ist nicht mehr festzustellen. Henriette hat sich darüber später nicht mehr ausgelassen, was wohl mit den Ereignissen zusammenhing, die Henriette Braths 1907 nach Wien (ent)führten. Auf ihrem Dienstherrn war sie jedenfalls nicht gut zu sprechen, weil er sie nicht vor den Nachstellungen eines Verwalters schützte, der versucht hatte, ihr mehrmals unter die Röcke zu greifen. Das war, möchte man ironischerweise hinzufügen, kein leichtes Unterfangen, denn die Damen und auch das weibliche Personal trugen bodenlange Gewänder - siehe Foto. Es zeigt Henriette (rechts) um 1906 auf einem Ausflug nach Eupen/Belgien. Links im Bild ihre Mutter, in der Mitte ihre Cousine Edith Dechamps.
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