Der geheimnisvolle Wiener Graf, Jettchen's Gönner

So mitteilsam Frauen im Allgemeinen und Rheinländerinnen im Besonderen auch sind, um "ihren Grafen" hat Henriette Josefa Braths zeitlebens ein Geheimnis gemacht. Und so ist die deutsch-österreichische Brathskartoffelforschung, als deren führende Persönlichkeit der Kommerzialrat Mag. Karl Maria Fleckerl, Großhändler in Agrarprodukten, angesehen werden muß, bisher nur auf wenige Dokumente gestoßen. Aus überlieferten Berichten, ergänzt um diese Dokumente, läßt sich jedoch umrißhaft das Leben einer schillernden Persönlichkeit rekonstruieren.

Graf Lajos (übersetzt: Graf Ludwig) entstammte einer Nebenlinie der Esterhazys, war ein hervorragender Reiter und Rittmeister beim Traditionsregiment Hoch- und Deutschmeister. Sein voller Name, für deutsche Zungen fast unaussprechlich, lautete Gróf Nyiltszivü-Rozsatö Lajos, weshalb wir ihn hier in diesem Portal nur "Graf Lajos" nennen, wobei man wissen muß, dass die Ungarn den Vornamen hinter den Familiennamen setzen. Er sprach natürlich ungarisch und deutsch, aber auch nahezu perfekt italienisch und französisch. Wegen eines Ehrenhändels (mutmaßlich Komplikationen aus einer Liebschaft mit einer verheirateten süddeutschen Prinzessin) mußte er 1904 den Dienst quittieren und wurde "Kammervorsteher ihrer kaiserlichen und königlichen Hoheit Frau Erzherzogin Maria Theresia" (siehe Dienstsiegel). 1907 reiste er nach Brüssel, wobei er in Vettweiß (siehe voriges Kapitel) die Reise unterbrechen mußte. Was er genau in Brüssel erledigen sollte, liegt im Dunkeln. Der Wahrheit am nächsten kommt die These, dass er am relativ jungen belgischen Königshaus eine mögliche spätere Verbindung der Gräfinnen Gisela (geb. 1895) und Elisabeth (geb. 1897) von Seefried auf Buttenheim mit Mitgliedern des belgischen Königshauses sondieren sollte. Die Gräfinnen waren Enkelinnen der Erzherzogin Gisela von Österreich (1856 - 1932), einer Tochter von Kaiser Franz Joseph I., aus deren Ehe mit Prinz Leopold von Bayern. Wenn sich die beiden Gräfinnen auch noch im Kindesalter befanden, so waren im Hochadel frühe Sondierungen über spätere Heiraten nicht unüblich. Aufgrund seiner Sprachkenntnisse war Graf Lajos ein geeigneter Abgesandter. Graf Lajos wäre jedoch nicht Graf Lajos gewesen, wenn er die Gelegenheit nicht genutzt hätte, sich inkognito an einem Galopprennen in Brüssel zu beteiligen, auf dem er einen ehrenvollen 2. Platz belegte.

Bis 1908 mußte Graf Lajos (Foto von 1908) Zivil-kleidung tragen, dann konnte er 1909 durch einen kaiserlichen Gnadenakt wieder in den Militärdienst eintreten, und zwar zunächst als Lehrer an der "K. u. k Theresianischen Militärakademie in Wiener-Neustadt". Spielschulden, die er bei den Hoch- und Deutschmeistern - wie fast jeder zweite Offizier - angehäuft hatte, konnte er inzwischen tilgen, weil er erstens eine Erbschaft aus dem Debrecener Landgut seiner verstorbenen Erbtante erhalten hatte, zweitens eine stattliche Summe ausgezahlt bekam, nachdem er in einer geheimen Mission in Italien erfolgreich gewesen war (es ging um den Kauf von Kriegsschiffen, denn Österreich war damals auch eine Seemacht mit Zugang zum Mittelmeer) und weil drittens seine "Jetti", wie er die mit ihm nach Wien gekommene Henriette Braths nannte, den Daumen auf die gemeinsame Haushaltskasse hielt. Denn die beiden lebten wie Mann und Frau zusammen - freilich war Henriette Braths nach außen hin nur Haushälterin im gräflichen Haushalt, zu dem noch der schon erwähnte Diener namens "Gustl" zählte und ein Faktotum namens Johann Prschbyzil, der als Kutscher und Mädchen für alles fungierte.

Als der 1. Weltkrieg ausbrach, meldete sich Rittmeister Graf Lajos für den aktiven Dienst an der Front. Bei den Hoch- und Deutschmeistern war er nicht willkommen, aber beim "Infanterieregiment Erzherzog Rainer" aus Salzburg erhielt er ein Kommando als Major. Bei den ersten Schlachten gegen Rußland in der Bukowina (heute Polen und Ukraine), in der Nähe der Stadt Przewodow (heute Polen), ereilte ihn im August 1914 der Heldentot. Er wurde von einer Granate zerfetzt.

Seine "Jetti" muß er sehr geliebt haben. Dass er in seinem Todesjahr den von ihm so genannten Brathskartoffelschmuck hatte anfertigen lassen, lesen Sie bitte im nächsten Beitrag.